Erasmus in Valencia – 15 Jahre später (2002 vs 2017)

erasmus in valencia

15 Jahre nach meinem Erasmus Studienaufenthalt habe ich vor Kurzem (hace poco – vor Kurzem) meinen französischen Freund Nico von damals wiedergetroffen. Seitdem erinnere ich mich öfter an jene Zeit (acordarse – sich erinnern). Erasmus in Valencia – ¡Qué bien me lo pasé!

Gestatten (permitir – erlauben, gestatten) Sie mir ausnahmsweise auf diesem Blog ein wenig Nostalgie ohne roten Faden (el hilo conductor – der rote Faden), anstatt (en lugar de – anstatt) relevanter Informationen für Sie als Spanien-Fan.

Sollten Sie selbst einen Bezug zu Valencia haben oder aber ein Erasmus-Jahr in Spanien verbracht haben, erinnern Sie sich ja vielleicht mit mir zusammen gerne zurück. Qué rápido pasa el tiempo. La vida son cuatro días.

In Erinnerung u.a. an AgusNicoMaite Stephan ,  Frank ,  Wicho ,  Megue Nadine Marieta ,   Vanessa ,  Ben, Christian, Linda, Kukka, Karlijn, Javi,

Erasmus – Ein sehr gutes Investment in die Völkerverständigung

Auf Spiegel Online las ich vor Kurzem Leserkommentare unter einem Artikel zum Thema Erasmus. Dort war mehrfach die Rede von „purer Steuerverschwendung“ (el desperdicio – die Verschwendung).

Zweifelsohne lassen es sich viele Erasmus-Studenten in ihrem Auslandsjahr gut gehen, aber eines ist doch klar: Einen besseren Beitrag zur Völkerverständigung kann es nicht geben. Besonders schön dargestellt wurde das im Klassiker „L’auberge espagnole“ („una casa de locos“).

Wenn heute deutsche Politiker, Stammtische oder die Boulevardpresse über faule Südländer klagen, dann denke ich an meine Freundin Paula in Lissabon, die nie vor 21 Uhr aus ihrer Anwaltskanzlei kommt. Oder an Nico in Perpignan, Maite in Valencia, etc. etc.

Mir persönlich haben Erasmus In Valencia und meine anschießenden Auslandsaufenthalte, ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, wofür wir Deutschen geschätzt werden, und womit wir eher anecken: Beispiel: So denken Spanier über Deutsche

Wenn uns in Deutschland derzeit erklärt wird, dass wir den Rest von Europa finanzieren, dann freue ich mich, dass ich von meinen Erasmus-Freunden eine andere Sichtweise bekomme, die vermutlich der Wahrheit etwas näher kommt, wie auch Claus von Wagner in der Heute-Show feststellt.

Mit dem Fiat Punto ins Erasmus Abenteuer

Jetzt im September ist es genau 15 Jahre her, als ich mich zusammen mit meinem Freund Juan auf den Weg von meinem Studienort Bayreuth nach Valencia machte (marcharse – weggehen, abreisen) . Juan hatte gerade sein Erasmus-Abenteuer hinter sich, ich das selbige vor mir.

Das erste Wochenende in Castellón und Benicassim

Das erste Wochenende in Spanien bei Juan’s Familie in Castellón bleibt mir besonders in Erinnerung (los recuerdos – die Erinnerungen). Der erste Kaffee im Chiringuito (el chiringuito – die Strandbar) in Benicassim. Die erste „ensaladilla rusa“ – ich konnte ja nicht wissen, dass der russische Salat hauptsächlich aus Thunfisch (el atún – der Thunfisch) besteht. „Soy más de carne“ – ich stehe eher auf Fleisch. Erste neue Vokabeln und Phrasen, die ich mir stolz in mein kleines Vokabelheft (la libreta – das Heft) schrieb. Das erste Treffen mit Juan’s Freunden aus  der Tuna, seiner studentischen Musikgruppe.

Spanisch Intensivkurs in Gandía

Nach diesem Wochenende ging es direkt weiter nach Gandía zum Spanisch-Intensivkurs mit einer unglaublich tollen Truppe von angehenden Erasmus-Studenten aus ganz Europa.

Erasmus in Valencia

Mestalla, Blasco Ibañez, Warhol, Daniel, Xuquer, Malvarrosa, Bodega La Fila, Radiocity, Pans – als Erasmus in Valencia Anfang der 2000er Jahre waren u.a. das unsere Hotspots.

Außerdem erinnere ich mich noch an… 

Cubatas – Longdrinks mit riesigen Eiswürfeln und neuen Mischungen

Unvergesslich die ersten Abende im „Paco Paco Paco“, einer der zahlreichen Bars, in der man zu Beginn noch schüchtern mit dem Strohhalm (la pajita – der Strohhalm) unsere für uns noch neuen Getränken wie „JB con fanta naranja“ oder „cacique con coca cola“ schlürfte. Sämtliche Longdrinks („el cubata“ – der Longdrink) wurden in „tubos“, hohen schmalen Gläsern mit riesigen Eiswürfeln serviert. Den dazugehörigen Softdrink gab’s dazu in einer Mini-Flasche. Kommt Ihnen bekannt (¿le suena? – kommt ihnen bekannt vor?) vor, weil das bei uns genauso ist? Richtig, aber erst seit Mitte der 2000er Jahre, als diese Art der Longdrinks genauso wie große Eiswürfel an der Tankstelle erst so langsam zu uns nach Deutschland kamen.

Pachanga – Spanische Popmusik

Spanische Musik war 2002 noch viel weiter verbreitet als die internationale (oft amerikanische) Musik, die heute auch in Spanien im Nachtleben dominiert.
Ich erinnere mich an lange Nächte im Akuarela, Warhol oder auch Las Animas. Die Stimmung zu dieser Musik war stets ausgelassen (hay buen ambiente – die Stimmung ist gut) – die Leute tanzten gemeinsam (also tatsächlich miteinander!) und sangen. Pachanga polarisiert(e). Natürlich kann man die Musik als extrem „cheesy“ bezeichnen – mir gefiel sie trotzdem sehr und sie hat mir die ein oder andere Vokabel mit auf den Weg gegeben. Nur um drei Beispiele für die Lieder unserer Erasmus-Zeit zu nennen: Chayanne –Torero, Juanes – A diós le pido, David Bisbal – Ave María

Supermarkt-Einkäufe bei Mercadona

In Erinnerung blieben mir auch unsere WG-Supermarkteinkäufe. Mit möglichst wenig Geld den Einkaufswagen möglichst voll bekommen. In unserer Konstellation (2 Mexikaner, 1 Engländer, 1 Deutscher) kam da eine sehr interessante Mischung zustande. Aus dieser Zeit stammt meine Vorliebe für Micheladas und Zitronensaft für so ziemlich alles.

Marijuana Duft auf dem Campus der Universidad Politécnica de Valencia

Botellón – Trinkgelage auf offener Straße

Anstatt sich in einer Bar zu verabreden, war der Treffpunkt für Einheimische und Erasmus in Valencia regelmäßig ein Parkplatz. Musik kam aus dem Auto eines Teilnehmers und die Getränke brachte jeder selbst mit. Riesige Plastikbecher, riesige Eiswürfel, Cola, Fanta und Spirituosen. Bei manchen war auch der Calimocho sehr beliebt (el calimocho – Erfrischungsgetränk aus Cola und Wein). Die botellón ist meines Wissens heute in ganz Spanien verboten. Vermutlich, weil eine Botellon für Anwohner kein Spaß sind und/oder, weil zu viele Teilnehmer regelmäßig betrunken mit dem Auto nach Hause fuhren.

Treffpunkt: Pans y Company an der Playa de la Malvarossa

Radikale Veränderungen in der Gastronomie in Valencia

Das Essen hat sich in Valencia radikal modernisiert und internationalisiert.
Fancy Restaurants konnten wir uns als Studenten nicht leisten, also kochten wir selbst oder gingen zum Beispiel gerne in die „La Bodega Fila“ (C/ Manuel Candela). Gegessen wurde Chorizo, Jamón, Queso Manchego und Oliven – Basic Tapas eben, aber sehr lecker. Nach meinem Thailand-Urlaub 2001 erinnere ich mich, dass ich 2002 vergeblich nach asiatischem Essen in Valencia suchte. Vielleicht übersah ich den ein oder anderen Laden, aber allgemein war zu diesem Zeitpunkt Spanisch essen angesagt, und auf keinen Fall zum Beispiel scharfes Essen. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages nach vegetarischem Essen fragte und daraufhin Schinkennudeln angeboten bekam.
Die Küche in Valencia hat sich, ebenso wie die Musik, in den letzten 15 Jahren in Valencia radikal modernisiert und internationalisiert. Natürlich gibt es weiterhin die Klassiker wie die Paella Valenciana, aber viele Restaurants bieten internationale Küche an, oder eben die neuen Klassiker wie einen Salat mit Ziegenkäse und karamellisiertem Honig.

Valencia CF – Amunt Valencia

Rund um das Stadion vom Valencia CF, das glücklicherweise nicht weit vom Univiertel lag, war die Stimmung bei den Erasmus in Valencia während der Fußballspiele immer besonders gut. Erst später bekam ich mit, dass mit Manolo el del bombo der wohl bekannteste Fußballfan der Welt aus Valencia kam. Wir waren auch selbst öfter im Mestalla und die Spieler (Pablo Aimar, Santiago Cañizares) zeigten sich erstaunlich häufig und kurz nach Champions League Begegnungen im studentischen Nachtleben.
Später war der Fußballverein so etwas wie der beste Beweis für die Verschwendung in Valencia und war der am höchsten verschuldete Verein in ganz Europa.

Plaza Xuquer – Café Carajillo

Im Café Carajillo hatte ich mein erstes Date mit einer spanischen Studentin – wobei es vermutlich nur für mich ein Date war und für sie eine Art Kaffeekränzchen. Zumindest lernte ich dort den „Café Bombón“ kennen, eine Spezialität aus Valencia. Es handelt sich um einen Espresso auf einer nicht unerheblichen Menge an extrem süßer Kondensmilch. Damals fand ich das super, weil neu und außergewöhnlich. In den letzten Jahren habe ich das Getränk ehrlich gesagt nicht einmal mehr aus Nostalgiegründen wieder bestellt.

Horchateria Daniel in Alboraya

Zu meiner Erasmuszeit waren wir hier öfter, um auf der Terrasse eine Horchata zu trinken und Fartons zu schlürfen. Daniel ist für die Horchata vielleicht so etwas wie das Hofbräuhaus für Bier. Bei der Horchata handelt es sich um eine süßliche, sehr leckere Erdmandelmilch. Im August war ich nach über 10 Jahren mal wieder bei Daniel. Gefühlt hat sich absolut gar nicht verändert, was auch gut so ist.

 

Valencia 2002 – 2017: Einmal Luxus und wieder zurück

Im Jahr 2002 bemerkte man in Valencia eine regelrechte Aufbruchstimmung. Die früher für Drogenexzesse an der Ruta del Bakalao bekannte Stadt brillierte nun mit neuen Prachtbauten wie der Stadt der Künste und Wissenschaften und mit wichtigen Sportereignissen (Copa America).

Die Folge waren steigende Touristenzahlen und nicht zuletzt die immer mehr werdenden Erasmus-Studenten. Die konservative Bürgermeisterin Rita Barberá tat einiges dafür, um Valencia zu einem gewissen Weltruhm zu verschaffen.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mich bei meinen jährlichen Besuchen in Valencia in den Jahren 2002 bis ungefähr 2007 immer darüber wunderte, wie modern alles auf einmal wurde. Die Wohnungen meiner Freunde im Carmen verzeichneten jährlich einen zweistelligen prozentualen Wertanstieg, so dass ich mich fragte, ob unser Mietmodell in Deutschland wirklich die beste Lösung ist. Einrichtungen in Bars und Restaurants, Sanitäranlagen etc. – alles wurde auf einmal modern!

Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass vieles „auf Pump“ gekauft wurde, Banken viele Kunden in die Falle lockten, viele Kunden sich (vom Euro geblendet?) völlig übernahmen und es nur eine Frage der Zeit war, bis die Blase platzte.

Valencia in der Krise 2011-2015

Bei meinen geschäftlichen Besuchen in Valencia zwischen 2011 und 2015 war eine regelrechte Katerstimmung zu spüren. In den Nachrichten liefen häufig Berichte über Wohnungsräumungen, selbst im Zentrum waren Ladenlokale zum Verkauf angeboten und meine öffentlichen und privaten Kunden im Gesundheitsbereich hatten absolut keine Budgets. Zeitweise war sogar davon die Rede, dass internationale Konzerne keine Medikamente mehr in die Region liefern wollten, weil diese nicht bezahlt wurden.

Valencia – Verschwendung und Korruption

Valencia war nicht erst seitdem in Spanien berüchtigt als verschwenderisch und von Korruption durchzogen. In gewisser Weise bestätigen sogar die Feste in Valencia dieses Vorurteil:  Im Vorfeld der Fallas gibt es wochenlang täglich mascletás (Feuerwerke) und im valencianischen Dorf Buñol versammeln sich jedes Jahr im August Einheimische und Touristen zu einer Tomatenschlacht, bei der unfassbar viel „mit Essen gespielt wird“.

Valencianische Korruption habe ich mittlerweile selbst im Job hautnah erlebt, und auch im spanischen Fernsehen bekommt man regelmäßig vor Augen geführt, wie dreist sich da einige selbst bedienen:

 

Waren Sie selbst „Erasmus in Valencia“?

Wie sind Ihre Eindrücke der Stadt und vor allem der Veränderungen in der Stadt und in Spanien? Ich freue mich wie immer auf Ihre Kommentare hier und bei Facebook.

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