Im Interview: Iñigo Escudero (Madrid)

Was ist ein Pagafantas? Welchen Ruf haben die Basken in Spanien? Wo sind die aktuellen Hot-Spots in Madrid? Fragen wie diese bekommt man am besten von echten „Locals“ beantwortet. Zu einem Spanien Blog gehören natürlich auch Interviews mit spanischen Locals. Den Anfang macht mein Freund Iñigo Escudero, der ein Faible für Dinge mit dem Anfangsbuchstaben „B“ zu haben scheint … Bilbao, Bamberg, Bayreuth, Bayern, Baden-Württemberg, Bosch, …  Iñigo ist sozusagen gleichermaßen Spanien Experte und Deutschland Experte.

Tobee: Wie und vor allem warum landet man als Kind spanischer Eltern auf der Deutschen Schule in Bilbao?

Iñigo Escudero: „So banal es klingt, meine Eltern sahen eine Anzeige der Deutschen Schule in der Zeitung und dachten, dass eine weitere Sprache mir für die Zukunft viele Türen öffnen würde.“

T: Wie muss man sich eine Deutsche Schule vorstellen? Wird dort tatsächlich den ganzen Tag auf Deutsch gesprochen? Wie sieht es in den Pausen aus?

I.E.: „Die Mehrheit der Schüler war aus Bilbao, darunter ein paar wenige Deutsche. Deutsch war Unterrichtssprache, aber außerhalb der Unterrichtsstunden wurde fast ausschließlich auf Spanisch gesprochen. Wir fingen alle bei „0“ an, aber Deutsch wurde relativ schnell in allen Fächern eingeführt.“

T:Lernt man auf der Deutschen Schule auch etwas über Deutsche Mentalität? Was kommt Dir zuerst in den Kopf, wenn Du „deutsche Mentalität“ hörst?

I.E.: Die Pausenzeiten waren typisch deutsch – erstens zu in Spanien relativ untypischen Zeiten (9.00-9.15 und 11.00-11.20) und dann auch immer extrem pünktlich. Die Pausenglocke war so laut, dass wir alle immer schnell wieder zurück ins Klassenzimmer gerannt sind.

Für mich bedeutet „typische deutsche Mentalität“, dass alles geplant werden muss und dass man sofort korrigieren muss, wenn man von einem Plan abweicht. Im Vergleich zum spanischen Charakter gibt es viel weniger Flexibilität. Das hat natürlich alles seine Vor- und Nachteile. In der Schule bemerkt man das noch nicht so sehr, aber man nimmt es unbewusst mit.

Mir bleibt hier immer Herr Müller in Erinnerung, der besonders streng war und dem absolut nichts entging. Bei ihm mussten wir Phrasen aus dem Vokabelheft auswendig lernen und wenn es grammatikalisch oder bei der Aussprache  Fehler gab, mussten wir das immer wieder wiederholen. Bei uns gab es auch das typische Klassenbuch mit Einträgen über Fehlverhalten, die Strafen nach sich zogen.

T: Du bist in Bilbao aufgewachsen. Viele Deutsche denken bei Bilbao direkt an Baskenland und Terrorismus. Wie war das für Dich als Kind/Jugendlicher, und was hat sich über die Jahre geändert?

Iñigo Escudero: Das ist eine sehr traurige Geschichte. Wir haben brutalen Terrorismus hautnah erlebt. Zu den Opfern gehörten Familienangehörige von Kommilitonen an der Uni und in unserem Wohnhaus wurde sogar eines Tages in letzter Minute ein Attentat verhindert. Manchmal dachte ich auf dem Heimweg, dass jetzt jeden Moment ein Auto in der Straßen explodieren könnte. Das Schlimmste daran war, dass die Politik ein absolutes Tabuthema an der Schule und an der Uni waren. Dies hat sich aber mittlerweile geändert. Mittlerweile gibt es sogar Comedy Fernsehprogramme, die sich über den Radikalismus beider Seiten lustig macht – das hat definitiv zur Entspannung beigetragen.

T: Hast Du Tipps für Bilbao-Besucher? Typisches Essen, typische Getränke, besondere Sehenswürdigkeiten?

I.E.: Klar! Aus Bilbao darfst Du Dich auf keinen Fall verabschieden, bevor Du die Pintxos an der Plaza Nueva in der Altstadt probiert hast. Am Fluß entlang kann man sehr schöne Spaziergänge, zum Beispiel vom Arriaga Theater bis zum Guggenheim-Museum machen. Die Bilbaínos sind eben sehr stolz auf das „Museo Bellas Artes“ und natürlich auf „San Mamés“, das Fußballstadion von Athletic Bilbao.

T:Dein Auslandsstudium und Praktika haben Dich nach Bayreuth und Bamberg geführt. Wählst Du Deine Destinationen nach dem Alphabet aus oder wie kommt’s?

I.E: LOL, sieht fast so aus… ich war nämlich tatsächlich auch in Baden-Baden und Berlin.

T: Mittlerweile arbeitest Du für ein deutsches Großunternehmen in Madrid.
Wie wird man als Baske in Madrid aufgenommen? Gibt es Rivalitäten, Animositäten? Welchen Ruf haben die Basken?

Iñigo Escudero: In Madrid gibt es Menschen aus ganz Spanien und das macht die Stadt und ihre Menschen sehr offen. Ich denke wir Basken haben in Madrid ein recht gutes Image… man sieht uns als fleissig, seriös, neugierig auf neues und reisefreudig an. Wir sind auch Opfer vieler Witze, weil wir angeblich grob und sehr ernst sind und immer in streng getrennten Gruppen („Cuadrillas“) ausgehen, die dazu führen, dass bei uns angeblich sehr wenig geflirtet wird.

Was ist ein Pagafantas? („Fanta-Spendierer“)  

Es gibt dazu sogar einen sehr witzigen Low-budget Film mit dem Titel „Pagafantas“. Der Pagafantas ist der typische Baske, der hübsche Mädels zu Getränken an der Bar einlädt und sich aber nie traut mit ihnen anzubandeln. Stattdessen endet das Ganze dann immer in einer „Freundschaft“. Ob das stimmt oder nicht, das müsst ihr selbst rausfinden.

T: Welche sind aktuell Deine Hot Spots in Madrid?

– Calle Ponzano. Eine ganze Straße voller Bars zum Abendessen. Es gibt übrigens einen Basken: “Arima Basque Gastronomy”
– Calle Pez im Barrio Malasaña: Lauter tolle Bars
– Restaurant „Jardín Secreto“ in der C/ Conde Duque.
– Abendessen und Drinks im “Habanera” oder “Perra Chica”

T: Du kennst viele Deutsche, die mehr oder weniger gut Spanisch sprechen. Welche sind die meist verbreiteten Fehler in unserer Grammatik und Aussprache?

I.E.: Die typischen Fehler hängen mit den Zeiten zusammen und oft werden „Ser“ und „estar“ verwechselt. Für viele Deutsche sind die starken „r“ schwierig auszusprechen und oft wird das „h“ im Spanischen unterdrückt, was für Deutsche eher ungewohnt ist.

T: Vielen Dank, Iñigo! Forsetzung folgt im Sommer, im La Latina.

Interview mit Iñigo Escudero – Fit For Spain – Spanien Blog

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