Alemol – Das Beste aus alemán und español

Die Idee von „Fit For Spain“ war es von Anfang an, Spanien-Fans in kleinen Episoden Einblicke in das Land, seine Menschen und in die spanische Sprache zu geben. Bei meinen Recherchen stoße ich regelmäßig auf andere Spanien Blogs, wobei mir einer immer wieder auffällt: Der „Alemol“ ist nicht nur unterhaltsam, sondern generiert für seine Leser einen echten Mehrwert durch echtes Insiderwissen. Der Alemol, das ist ein aus Hessen stammender Wahl-Valenciano. Ich freue mich, dass André Höchemer (so heißt der Alemol im richtigen Leben) sich Zeit für ein Interview mit mir genommen hat.

Tobee: Du bist mittlerweile seit 16 Jahren Wahl-Valenciano und bestens integriert, inklusive spanischer Frau und Kinder. Was findest Du, außer Deiner Familie natürlich, am besten an Valencia und Spanien?

André Höchemer: Ich lebe seit 2000 in Valencia, war aber schon 1997 zum ersten Mal als Erasmus-Student hier. Das zeigt, dass es wirklich viel in der Stadt gibt, was mich hält, allem voran natürlich meine Familie und meine Freunde. Meine Arbeit auch, aber als selbstständiger Übersetzer und Dolmetscher bin ich theoretisch flexibel.

Auch wenn wir Deutschen meist den Ruf haben, wegen Sonne, Strand und Meer nach Valencia zu kommen, sehe ich Letztere seltener, als mir lieb ist, aber das fast ganzjährig tolle Klima ist natürlich ein willkommener Nebeneffekt.

 

 

„Valencia gefällt mir unter anderem, weil es für mich die ideale Größe hat“

Nicht so groß und überlaufen wie Madrid und Barcelona, aber groß genug, um ein breit gefächertes Kulturangebot zu haben. Valencia ist dank mehrerer Parks und dem trockengelegten und zum Park umgewandelten Turia-Flussbett quer durch die Stadt recht grün und lädt zum Picknicken, Joggen und Radfahren kann. Klingt wie aus dem Reisekatalog, ist aber wirklich so!

In all den Jahren habe ich immer in demselben Stadtviertel namens Benimaclet gewohnt, wo ich mich einfach pudelwohl fühle. Es hat einen ganz besonderen Vorortcharakter, liegt unweit der Innenstadt und ganz nah an „La huerta“ (Felder und Obst- und Gemüseplantagen) und verschiedensten Naturlandschaften, wie Berge, Meer und Flüssen. Da ich zwei Kinder und einen Hund habe, ist eine solche Umgebung natürlich perfekt.

 

Wir sind zwar Stadtmenschen, brauchen aber auch hin und wieder die Natur zum Abschalten, und sei es nur ein großer Park. Was mich auch in Valencia hält, ist der Charakter der Menschen hier, der größtenteils meinem eigenen entspricht: Ich bin ziemlich extrovertiert und liebe den lockeren Umgang mit Menschen, das problemlose Duzen und die Spontanität. (siehe auch: Artikel zum Thema Duzen“ auf diariodeunalemol.com

„Das Leben in Valencia findet größtenteils draußen statt, weil es das milde Klima erlaubt, und ich bin gerne draußen.“

Tobee: Meiner Meinung nach stimmt das Spanien-Bild der meisten Deutschen nicht mit der Realität überein. Wie siehst Du das?

André Höchemer: Die Sache ist, dass es genauso wenig ein Spanien-Bild gibt wie ein Deutschland-Bild – zumindest ist es nicht realistisch, ein ganzes Land und Millionen von Menschen nach Klischees zu beurteilen. Was haben Nordfriesen und Bayern gemeinsam? Oder Ruhrpottler und Sachsen? Deutschland hat viele unterschiedliche Gegenden und Mentalitäten zu bieten, und in Spanien ist das natürlich auch so.

„Die Menschen im Norden Spaniens  gelten als etwas kühler, zurückhaltender und wortkarger, die im Süden als offener und rede- und feierlustiger“

. Spanien ist bekannt für Sonne, Strand und Meer, klar, hat aber auch schneebedeckte Gebirge, Wüsten, Flusslandschaften, Reis- und Sonnenblumenfelder, Wälder und noch viel mehr. Wer den Jakobsweg zurückgelegt hat, kennt das grüne, bergige Spanien.

Wer gerne bergwandert, Ski oder Snowboard fährt, kennt sicher das Kantabrische Gebirge, die Pyrenäen oder die Sierra Nevada. Spanien ist für mich also vor allem Vielfalt in jeder Hinsicht: Kultur, Landschaften, Menschen, Gastronomie. Paella und Flamenco sind nämlich in etwa so repräsentativ für Spanien wie Weißwürste und Schuhplattler für Deutschland. Wer sich mit Klischees abfindet, wird ein Land nie wirklich kennenlernen.

Tobee: Hast Du Valencia-Tipps für mich und unsere Leser?

André Höchemer: Jede Menge! Valencias Innenstadt, die man bequem zu Fuß erkunden kann und die viele Sehenswürdigkeiten zu bieten hat: Den Blick vom Turm der Kathedrale über Valencia; ein Spaziergang durch das trockengelegte und in eine riesige Grünanlage verwandelte Flussbett des Turia; und wer auf aufsehenerregende Bauten steht, sollte natürlich auch die „Stadt der Künste und der Wissenschaften“ in Valencia besuchen; die Küstenlandschaften mit Stränden und Meer, klar; aber auch das grüne Umland mit „La huerta“; den See La Albufera und den Ort El Palmar, der als Wiege der Paella gilt; das Inland mit vielen sehenswerten Dörfern; die Berglandschaften im Norden und Süden; die Weinbaugebiete.
Kulinarisch sollte man neben der Paella und weiteren Reisgerichten auch mal andere lokale Spezialitäten kosten, beispielsweise die „fideuà“, die Gemüsegerichte, den Fisch und die Meeresfrüchte. In Restaurants und Lokalen sollte man nicht immer nur auf Bekanntes und Naheliegendes setzen, sondern auch mal Empfehlungen der Gastwirte annehmen.

 

Tobee: Welchen Ruf hat Valencia / haben die Valencianos in Spanien? Trifft das Vorurteil zu?

André Höchemer:

„Valencianer gelten bei den Spaniern als verschwenderisch“

Wenn man Traditionen wie die Fallas (bei der Tausende Euro teure Figuren verbrannt werden), ihre Vorliebe für Feuerwerke und die vielen millionenschweren Projekte („Stadt der Künste und der Wissenschaften“, Formel1-Stadtkurs, America’s Cup, usw.) bedenkt, scheint der Ruf gerechtfertigt.

Hinzu kommen die vielen Korruptionsskandale, sodass Valencia in Spanien oft mit langfingerigen Politikern in Verbindung gebracht wird. Die Valencianer definieren sich selbst oft mit dem Begriff „meninfotisme“ (valencianisch für „pasotismo“, eine Art „Scheißegal-Mentalität“), aber in den letzten Jahren ist viel Kritik an den genannten verschwenderischen Projekten laut geworden, an denen sich nur ein sehr geringer Teil der Valencianer bereichert hat.

„Es wird wohl länger dauern, bis die Valencianer wieder einen einigermaßen guten Ruf in Spanien haben.“

Tobee: Ich habe immer das Gefühl, dass in Valencia einige Menschen besonders kreativ dabei sind, sich legal oder auch illegal zu bereichern. Ist das auch Dein Eindruck? Hast Du ein paar Beispiele?

André Höchemer: Wie oben erwähnt haben in den letzten Jahren zahlreiche valencianische Politiker mehr durch Korruptionsskandale und finanzielle Tricksereien als durch redliche Arbeit von sich reden machen und den Eindruck erweckt, das sei in der Region gang und gäbe. Das ist natürlich mehr als bedauerlich für all die ehrlichen Valencianer, die klar in der Mehrzahl sind und nun versuchen, den Ruf der „Comunidad Valenciana“ zu retten.

Unabhängig von meiner politischen Orientierung denke ich, dass die derzeitige Regionalregierung und Valencias Stadtverwaltung gute Arbeit in dieser Hinsicht leisten und mehr auf bürgernahe Projekte setzen als auf Investitionen in dubiose Anlagen oder Veranstaltungen.

Bis jedoch die Korruptionsfälle und unlauteren Machenschaften der letzten Jahre geklärt und aufgearbeitet sind, werden wohl noch einige Jahre vergehen.

Tobee: Hättest Du für unsere Leser „Drei Phrasen/Redewendungen auf Spanisch zum angeben“? 

André Höchemer:  Wenn Spanier etwas „cool“ oder „geil“ finden, dann sagen sie oft „está de puta madre“. Klingt zwar obszön und nach einer Beleidigung, ist es aber überhaupt nicht – nur Umgangssprache und im Alltag oft zu hören.

Hört oder sieht man etwas Lustiges in Spanien, dann passt der Spruch „me parto (de la risa)“, der so viel wie „ich lach mich kaputt/schlapp“ bedeutet.

Eine weitere umgangssprachliche Floskel ist „ni de coña“, was eigentlich mit „auf gar keinen Fall“ übersetzt wird, aber etwas salopper ist.

Wer darüber hinaus sein Spanisch etwas aufpeppen und authentischer gestalten möchte – das Schul- und Universitätsspanisch unterscheidet sich doch sehr von der spanischen Alltagssprache – sollte mal einen Blick auf meinen Blog-Artikel zum Thema oder in mein Buch werfen.

Tobee: Was war das Schwierigste bzgl. Grammatik/Vokabular und wie hast Du es hinbekommen?

André Höchemer:  Puh, mal überlegen … Also grammatikalisch waren es vor allem die unregelmäßigen Verben und der Subjunktiv, die mir anfangs zugesetzt haben.

Durch mein fast ausschließlich spanischsprachiges Umfeld und meine Arbeit habe ich aber mit der Zeit gelernt, diese Hürden zu meistern. Mittlerweile spreche ich ganz intuitiv, ohne mir Gedanken um die Grammatik zu machen.

„Ein sprachlicher Schwachpunkt, den ich beim Wechsel nach meinem (Hispanistik)Studium in Deutschland nach Valencia bemerkte, war, dass die Alltagssprache hier wirklich reichlich anders ist, als das Spanisch, das man auf der Hochschule lernt.“

Mit der Zeit habe ich mir alle nötigen (umgangssprachlichen) Floskeln angeeignet, die beim Sprechen sozusagen das „Salz in der Suppe“ sind. Wichtig ist aber auch zu wissen, wann und wie man diese Floskeln anwenden kann, da man ja je nach Gesprächspartner (Freunde, Familie, Kunden) eine andere Sprechweise und Stilebene wählen muss.

In der Muttersprache vollbringen wir das automatisch; in einer Fremdsprache muss man es ebenfalls lernen.

Tobee: Dein Job bringt mit Sicherheit inhaltlich interessante Texte mit sich. Welche Art von Kunden lassen von Dir übersetzen, was waren die kuriosesten Texte bisher (soweit Du darüber sprechen darfst)?

André Höchemer: Ich übersetze wirklich fast alles, was man übersetzen kann: Verträge, Websites, Comics, Speisekarten, EDV-Programme, Werbung, Urkunden und vieles mehr. Außerdem dolmetsche ich auch zu verschiedensten Anlässen: bei Gerichtsverhandlungen, Geschäftsessen, Pressekonferenzen, Hochzeiten, Signierstunden und mehr.

Die Aufträge sind wirklich abwechslungsreich, aber als besonders kurios sind mir zwei Aufträge in Erinnerung geblieben:

Einmal musste ich dolmetschen, als eine deutsche Frau die Asche ihres verstorbenen Mannes in Spanien abholen wollte und überraschenderweise auf dessen südamerikanische Geliebte traf, die die Asche ebenfalls für sich beanspruchte. So viele Schimpfwörter pro Satz waren eine echte Herausforderung für mich …

Unter den Übersetzungen gibt es auch viele interessante und zum Teil merkwürdige Aufträge, zum Beispiel eine über mehrere Monate laufende Liebesbeziehung per Briefwechsel, bei der ich quasi als zweisprachiger Amor zwischen den beiden Verliebten hin- und herübersetzen musste.

Tobee: Kann man allgemein Unterschiede zwischen deutschen und  spanischen Auftraggebern festmachen? ( bzgl Zahlungsbedingungen Zahlungsmoral Arbeitsweise Anspruch etc etc.)

André Höchemer: Nein, da sehe ich eigentlich keine Unterschiede zwischen Spaniern und Deutschen. Generell habe ich gute, verlässliche Kunden in beiden Ländern; schwarze Schafe gibt es natürlich überall, aber ich könnte nicht sagen, dass sie in einem der beiden Länder häufiger vorkommen.

Unterschiede stelle ich eher zwischen Privatpersonen und Firmen (in Deutschland wie auch in Spanien) fest: Erstere sind eher gewillt, schnell zu zahlen und meine Zahlungsbedingungen zu akzeptieren; bei Letzteren muss man mitunter nachhaken, und je größer die Firma, desto schwieriger kann es manchmal sein, die eigenen Bedingungen durchzusetzen und sich Anerkennung zu verschaffen.

Im Großen und Ganzen bin ich aber sehr zufrieden mit allen Kunden, und sie mit mir offenbar auch, denn sonst würden sie nicht schon durschnittlich zehn Jahre und mehr meine Dienste beanspruchen.

Tobee: Vielen Dank für das Interview! Alles Gute weiterhin für Deinen Blog, die Übersetzungstätigkeit und vor allem natürlich für Deine junge Familie! Amunt Valencia! 

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